Wovon machen wir uns frei?

Es ist Sommer, die Ferien haben begonnen und viele kennen dieses Gefühl:
Der Urlaub ist geplant, die Checkliste abgearbeitet, und am dritten Tag am Meer fragt man sich schon, ob man sich auch wirklich gut genug erholt.
Dorothee Sölle schreibt in ihrem Gedicht zum dritten Gebot einen Satz, der das Sabbatgebot neu klingen lässt: „Du sollst dich selbst unterbrechen."
Nicht die Arbeit soll ruhen – ich soll mich unterbrechen.
Sie zählt auf, wo das geschehen soll: zwischen Arbeiten und Konsumieren, zwischen Aufräumen und Vorbereiten, zwischen Wegschaffen und Vorplanen. Das sind keine Gegensätze. Und der Urlaub? Der ist oft die durchorganisierteste Zeit des Jahres. Wir buchen, optimieren, dokumentieren und kommen erschöpft zurück. Eine echte Unterbrechung entsteht nicht von selbst. Deshalb muss sie geboten werden.
Dann diese Zeile: „als die sonne aufging ohne zweck / und du nicht berechnet wurdest". Am siebten Tag der Schöpfungsgeschichte fehlt der Satz „und Gott sah, dass es gut war". Dieser Tag wird nicht bewertet, er wird geheiligt. Wir dagegen werden dauernd bewertet – auch im Urlaub, spätestens wenn jemand fragt, ob es denn schön war.
Das 5. Buch Mose begründet das Gebot damit, dass auch Knechte und Mägde ruhen sollen, zur Erinnerung an die Sklaverei in Ägypten. Der Sabbat war von Anfang an politisch. Er gilt denen, die sich Erholung nicht leisten können: den Saisonkräften, die unsere Ferien möglich machen, den Pflegenden, die keine haben.
Sölle endet mit der Zeit, „die niemandem gehört außer dem ewigen". Zeit ist nicht mein Besitz – auch die Urlaubszeit nicht. Die Frage ist nicht, was ich in diesen Wochen alles schaffe. Die Frage ist, wovon ich mich frei mache.
Das dritte Gebot sagt mir:
Du sollst dich selbst unterbrechen.
Zwischen Arbeiten und Konsumieren
soll Stille sein und Freude,
zwischen Aufräumen und Vorbereiten
sollst du es in dir singen hören,
Gottes altes Lied von den sechs Tagen
und dem einen, der anders ist.
Zwischen Wegschaffen und Vorplanen
sollst du dich erinnern
an diesen ersten Morgen
deinen und aller Anfang,
als die Sonne aufging ohne Zweck
und du nicht berechnet wurdest
in der Zeit, die niemandem gehört,
ausser dem Ewigen.
Dorothee Sölle





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